So geht das: Eine Mischung aus Briefroman, Comic und durcheinanderzentriertem Gefabel. Ohne Bei­spiel, ohne Bindung. Eine Heimatloseblattsammlung? Wer weiß … Auf jeden Fall: das Vergehen einer Epo­che als irdische Komödie. Und das Werden einer ande­ren als Groteske. Zudem: ineinandersickernde Welten, eigenhändig vom Autor ge­fälschte Dokumente, nicht eine einzige bedeutende historische Persönlichkeit, keine Mauer, keine DDR, keine Pioniere.(1) Stattdessen: »Die Geschichte des Baus vorgefer­tigter Häuser. Unter besonderer Berücksichtigung mobiler Wellblechgebäude.« Druckreif, wie sich’s gehört. Dazu ein Projectmacher namens A. B. C. Dreh (»Bana­les Binnen-B, wollen wir wetten?«), ein Mann, den alle Universalius nennen, und einer, der seine Nase abnehmen kann. Frauen kommen in der Geschichte auch vor. Eine bäckt sogar einen Kuchen, während nebenan ein bröseligtes Backhaus steht und ein frisch gebauter Aborterker in sechseinhalb Metern Höhe an der Außenwand eines halbverfallenen Ritterguts klebt.(2) Darin Trutz von Trübestrom und ein junger Herr, dessen Name sich im Laufe der Geschichte ändern wird.(3) Und das alles wegen ein bisschen brennender Erde, einer eisernen Kirche und einer Stadt aus Pappma­ché. Aus dramaturgischen Gründen brennen noch ein Osterfeuer, ein blutiger Lap­pen und siebenhundertvierundfünfzig Zigaretten. Die stählerne Raupe, die auch in der Geschichte mitspielt und einen oberirdischen Tunnel mimt, ist dagegen un­brennbar und dient nicht dem Zerfall, sondern »der Verbesserung der Wohn- und Arbeitsbedingungen«, was im Roman jedoch nicht weiter ausgeführt, stattdessen auf »(Dusche;Volkshygiene)« verwiesen wird. Zuvor hatte bereits jemand eine gelahrte Klassifikation einheimischer Pilze verfasst – in doppelter Ausführung! To­desfälle gibt’s natürlich auch ein paar. Mord, Selbstmord, ist alles dabei. Außerdem werden diverse Geburtsvorgänge beschrieben. But wait, there is even more! Zum Beispiel: »Köpfe voll Flausen / und Erden voll Nichts / ist alles vorhanden / inmitten des Lichts.« Auch wenn das jetzt nur ein Auszug war und die Nacht noch kommen wird. Egal. Die Figuren in dem Buch treten schließlich auch alle unmotiviert auf – und kaum, dass sie was gesagt haben, auch wieder ab. Es gibt sogar ein Kasperletheater, d. h. ein richtiges, eins, wo’s Kasperle seine Frau verkloppt und den Gendar­men tothaut. Der Tod muss bei der Gelegenheit natürlich auch mit dran glauben. Denn eines ist sicher: »First comes fiction, than comes fact.«(4) Aber soweit sind wir hier noch nicht. Gibt schließlich noch alberne Gedichte. Und noch albernere Lie­der. Und einen Lehrer, der Albert heißt und in seiner Schule ein Stillleben führt. Bis Lilly kommt. Was ziemlich nach Liebesgeschichte klingt. Deshalb gleich weiter zu den Fußnoten.(5) Oder dem Kapitel über vermeintliche Triebabfuhr durch Baden in eiskaltem Wasser. Anderweitig Interessierte finden in dem Buch seitenweise Schund­literatur, inklusive eines Auszugs aus dem »Stechbüchlein für Junggesellen«. Litera­risch anspruchsvoller dagegen die Aisthetik eines flanierenden Auges sowie die Erör­terung diverser religiöser Spitzfindigkeiten, gelegentlich kommentiert von einem Schwein namens Suscrofius Domesticus Paraplegius, welches im übrigen über Über­setzungsprobleme im Werk Thomas Pynchons referiert, der in der Geschichte selbst freilich nirgendwo auftaucht. Ganz im Gegensatz zu den Rolling Stones, in ihrem allerersten Auftritt, welcher – wie man leicht feststellen wird – vollkommen ana­chronistisch ist.(6) Natürlich kommt in dem Buch auch ein von der Lesesucht befal­lenes Frauenzimmer vor, das noch in der Stunde der Niederkunft einen Roman zu verschlingen versucht. Gleichwohl: »Das Haus der Bücher hat keine Fenster« – und wirft auch nichts ab. Dafür aber der Heißluftballon, der im Kapitel über die »Bo­denkunde eines kleinen Stück Landes«(7) auftritt, der Anschaulichkeit wegen vor ei­nem kernschattenroten Mond. Tritt auf, wirft eine Bombe aus Blättern ins Haus der Geschichte und fliegt wieder weg. Vielleicht sind es aber auch Wellblechtafeln. Auf jeden Fall passiert es zu Ostern, derweil ein gewisser Misander »abgeschmackte und abentheuerliche Fratzen und Fabeln auffs Tapet« bringt. Und dann kommt auch noch ein Zug. Und zwei Lokomotiven. Die eine hat die Fabriknummer 1727 und die andere 1728, aber beide sind Bauart Cn2, haben ne Spurweite von 1435 mm und sind mit nie zuvor gesehenen Dampfkunststücken auf großer Tour, wobei sie das Angebot erhalten, in einer Verwechslungskomödie mitzuspielen …, wiewohl nicht verschwiegen werden soll, dass es davon in dem Buch gleich mehrere gibt. Davor und danach mäandern ein paar Sätze übers Papier, und bisschen weiter oben (oder unten) führen Sinn und Sinne dialektische Spielchen mit Hang zur Spielerei auf, derweil die richtige Antwort in einer Meinungsumfrage mit einem FORMSCHÖ­NEN BRIEFKASTEN belohnt und die gängige Ansicht, dernach die Umfrage ein Spross der modernen Wissenschaft sei, wenn schon nicht empirisch, so doch histo­risch widerlegt wird – und zwar linksspaltig im Text. Doch halt! »SIE HABEN NOCH MEHR GEWONNEN! ›Noch mehr?‹ JAWOHL, NOCH MEHR!« Keine ge­scheite Geschichte ohne eine gescheite Kneipe, was in Anbetracht der Tatsache, dass es in dem Buch gleich zwei davon gibt, fast schon sowas wie Hoffnung aufkommen lässt.(8) Zumal es in diesem (oder einem anderen) Zusammenhang noch eine nette kleine Anekdote über Philatelisten gibt, die sich gegenseitig die Zähne ihrer Briefmarken einschlagen – und Frauen, die ihre Zimmer damit tapezieren. Das heißt mit den Briefmarken, nicht mit den Zähnen. Irgendwo kommt auch ein Mann namens Knochenleim-Gustav vor, seines Zeichens Redakteur des Epistolofrankomarkomanisten. Aber der spielt in der Geschichte eigentlich keine große Rolle.(9) Dafür klingt die Sache mit dem Epistoloundsoweiter ein bisschen wie die Sache mit der Pistolografie, die freilich ebenso unausgegoren bleibt wie der Auf­satz über das »Erhabene« in der Kunst und in der Natur in der Betrachtung des Menschen, ganz zu schweigen von dem, nun ja, »karthographischen Schweigen« und der von einem luziden Landnehmer vertretenen These: »Die Grenze meines Stiftes ist die Grenze eurer Welt.« Aber vielleicht bleiben am Ende ohnehin nichts als Assoziationen. Vielleicht ist die ganze Geschichte aber auch von hinten bis vorne zusammengeklaut. Andererseits: »Das Original weiß, dass es kopiert.« Ma­chen wir also weiter und lassen einen Jungen im Unterholz schlafen, Kinder mit Schneebällen werfen, Frauen die üblichen Briefe schreiben, Männer sich duellie­ren und Forellen frisch geräuchert aus der Erde heraus in offenstehende Münder fliegen. Dazwischen viele Sachen, die nichts miteinander zu tun haben. Und ungefähr genau so viele, bei denen es genau andersherum ist. Bösewichte gibt’s natürlich auch. Aber die sind unbeschreiblich böse. Deshalb gleich weiter zu den Kochrezepten. (»Sieh mal, hier: ›Gründling, Kaulbarsch und Ukelei‹. Eine Deli­katesse!«) Wer stattdessen lieber was lernen will, kann Lexikonartikel lesen. Oder ein, zwei theologischen Abhandlungen über die Bedeutung der μηλα μανδραγορα beiwohnen, wobei die Zeichensetzung des Altgriechischen selbstredend mitdis­kutiert werden darf. Medizinisch Interessierte werden sich dagegen an den herz­erfrischenden Diskussionen über das Problem des Scheintodes und entsprechen­den Bauanleitungen für Leichenhäuser erfreuen, können aber auch gemeinsam mit ein paar Kindern »Herzblättchen’s Zeitvertreib« lesen oder in Band einund­fünfzig des »Archivs für medizinische Erfahrung« blättern, wo es passenderweise um Blatter-Gesichter geht. Geschichtstheoretiker sollten sich unterdessen mit Universalius’ Ausführungen über die Rolle des Zufalls in der Historiographie befassen, während eingefleischte Hortikulturisten ihren Spaß an den Treibhäu­sern haben dürften, die allenthalben wie Pilze aus dem Boden schießen – brennt schließlich nicht alle Tage unter einem die Erde. Oben wachsen folglich reihen­weise exotische Pflanzen(10), woraufhin der Papagei Charmosyna Wilhelmina das Angebot erhält, sein entbehrungsreiches Leben als Croupier in einem Spielcasino zu beschließen, welches recht eigentlich ein Treibhaus für Riesenseerosen ist, de­ren Blätter – wie könnte es auch anders sein – als Roulettetische dienen. In den Treibhäusern gibt’s natürlich auch »Narren und Weiber / und halbnackte Leiber / und ist’s nicht genug / gibt’s Lug noch und Trug. Dazu großes Feuer / und Rauch sowieso / ihr dürft’s nicht verpassen / zu schön ist die Show.« Und wer’s nicht glaubt … »Seht mächtige Männer / und Unterseeboote / giftige Pflanzen / viel­leicht sogar Tote« – um die Sache hier noch ein bisschen dramatischer zu machen und einem jungen Mann das Wort zu geben, in dessen Mund ein metallenes Sprachrohr steckt, »ellenlang und alles verzerrend, ein hyperbolisches Ding«, von dem aus die werbenden Worte aus der Geschichte zu uns dringen. Wobei ich vielleicht auch noch auf die zahlreichen politischen Diskussionen hinweisen soll­te, die in besagter Geschichte vorkommen, aufgeführt von zweien, die – je nach Standpunkt, Blickrichtung und verbalen Möglichkeiten – »als Lokalrevolutionäre, Libertäre, Linkssozialisten, Leichengräber, Landesverräter, Langeweiler, Lammfromme, Lumpenproletarier, Ludditen, laufende Lächerlichkeiten oder Laizisten avant la lettre« erscheinen und ihre Streitgespräche vor einer »dialek­tisch vermittelnden Tapete mit historisch-materialistischer Grundierung« auszu­tragen pflegen. »Beeindruckend, was?« Aber hee, warten Sie, es wird noch besser! Das Buch lässt sich nämlich komplett durcheinanderblättern. Und jedes Kapitel einem anderen vorziehen. Wird die Geschichte zwar auch nicht unbedingt ver­ständlicher, aber was soll’s. Muss man als Autor wenigstens nicht alles vorgeben. Und spart sich außerdem das ewige Blättergebinde. Macht’s ungemein billig. Passt im übrigen auch besser zum Buch.

So, das ist eigentlich alles.

1 Okay, das mit der Mauer war gelogen.

2 »Dürfte ne ziemliche Luftnummer werden.« (Eines der durchs Buch rumpelnden Schweine.)

3 Endlich mal ne Geschichte, in der die Leute aufs Klo gehen.

4 The Michael Parks: It hurts so much to fall in love, aus dem Album: Try Try Again (2009)

5

6 »Chronologien sind Opium für Historiker.« (Universalius: Epische Epigramme, S. 425 bzw. S. 477 in der 2., erw. Auflage)

7 »… abgetastet am Samstag, den 31. März, um 23:36 Uhr«.

8 Vgl. dazu auch Universalius: Verzehrte Welt, S. 140: »Gasthäuser sind die Holz und Stein gewordene Differenz zwischen dem Ende eines Weges und dem Beginn eines neuen, ummauerte Freiräume, in denen aus dem Takt zu geraten noch für die solideste Uhr zum guten Ton gehört.«

9 Siehe S. 348 (unpag.)

10 »Eine Spießtanne, zwei Königspalmen, diverse Bananenstauden, büschelweise Ananas, ein paar Ranken mit Moschus-Kürbissen, ein paar mit Melonen, dazu fünfzehn Oran­genbäumchen, ein Thuja-Baum, ein Dutzend Ziersträucher, winterblühende Hecken­kirschen, Koniferen, Kakteen, Magnolien, ein panaschierter Bambus, eine Pflanze, die sich Metrosideros nennt und – sozusagen als krönender Abschluss des Ganzen – eine kleine Pfirsichpalme.« Womit wir zu den Blumen kommen. »Verschiedene Sorten Tul­pen, Primeln, Orchideen, Garten-Hyazinthen, Pelargonien, Narcissen, Kamelien, Topf­rosen, Veilchen, Strahlen-Anemonen, Strauchpäonien, Geranien und diverses Zeug, das ich noch gar nicht zu Gesicht bekommen habe.« Nicht zu vergessen der allseits beliebte Rhododendron Cinnabarium. Seltenes Exemplar. Bedauerlicherweise toxisch.